Die Wahrheit und das Märchen

Die Wahrheit ging durch die Straßen, ganz nackt, wie am Tag ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Jeder, der sie traf, flüchtete voller Angst vor ihr.

Eines Tages ging nun die Wahrheit wieder in Gedanken versunken durch die Straßen. Sie war sehr betrübt und verbittert. Da begegnete sie dem Märchen. Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen und vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten.

Da fragte das Märchen die Wahrheit: „Sage mir, geehrte Freundin, warum bist du so bedrückt und drehst dich auf den Straßen so betrübt herum?“

Die Wahrheit antwortete: „Es geht mir sehr schlecht, ich bin alt und betagt und kein Mensch will mich kennen.“

Hierauf erwiderte ihr das Märchen: „Nicht weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt und je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen. Höre, ich will dir das Geheimnis der Menschen verraten: sie lieben es, dass jeder geschmückt ist und sich ein wenig verkleidet. Ich werde dir solche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin und du wirst sehen, dass die Leute auch dich lieben werden.“

Die Wahrheit befolgte diesen Rat und schmückte sich mit den Kleidern des Märchens. Und seit damals gehen Wahrheit und Märchen zusammen.

Jüdisches Märchen